_DER ASIL ARABER - Glaub es oder glaub es nicht!
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Die Berichte über das Wesen und die Leistungen des arabischen Pferdes grenzen oft ans Wunderbare. Sie begegnen uns in Anekdoten, in Legenden und in persönlichen Erlebnissen. Im Kern stimmen diese Aussagen überein: Das asil arabische Pferd ist eine Perle der Schöpfung, ist etwas Einzigartiges. Für diese herausragende Zuchtleistung der Beduinen müssen wir dankbar sein.
Und wenn das Hohelied auf diese herrlichen Geschöpfe von Arabern gesungen wurde, geschah das zumeist mit einer hohen Kunstfertigkeit. Redegewandtheit und Schlagfertigkeit haben die Beduinen ebenso ausgezeichnet wie ein hervorragendes Gedächtnis.
Wir wissen, die tägliche Arbeit wurde von den Frauen und den Sklaven verrichtet. Die Männer schwatzten, diskutierten, rezitierten, stritten, berieten tagaus, tagein in den Zelten, während der Ritte auf ihren Kamelen und schulten so ihr Gedächtnis, erwarben eine Eloquenz, die ihresgleichen sucht.
Die Klassiker der arabischen Literatur, das Liedgut, die Welt der Märchen und Sagen, die Helden- und Hochzeitsgedichte waren Gegenstand der Unterhaltungen, ebenso wie die Genealogien der Sippe, der Pferde, der Kamele, die Erlebnisse auf der Jagd mit den Falken und den Salukis und bei den Ghazus. Diese tägliche Kommunikation machte innerhalb des Stammes das Gesamtgeschehen durchsichtig. Da blieb nichts geheim, und der einzelne hütete sich, Unehrenhaftes zu tun. Die absolute Wahrheitstreue, insbesondere auch bei den Abstammungen ihrer Lieblinge, den Pferden und Kamelen, die schließlich ihre Existenzgrundlage bildeten, war ebenso zwingend geboten wie das Einhalten der Gastfreundschaft. Die Gesetze des Wüstenlebens mußten beachtet werden, wollte man sich nicht aus der Gemeinschaft ausschließen, und ohne diese Gemeinschaft gab es kaum ein Überleben in der Arabia Deserta. 
So könnten die folgenden, oft frappierenden Berichte ebenso in die anderen themenbezogenen Kapitel eingeschaltet werden, da sie ohnehin auf Tatsachen beruhen oder zumindest einen wahren Kern haben. 
Um es mit Reich-Ranicki zu sagen: „Sie sind oft unwahrscheinlich, aber immer wahr.“

W. Georg Olms (1999)


Carle Vernet, Pegasus

Forray/Heicke, Schubra's Caffee in Kairo
_J. L. Burckhardt (1831)
Eine Abtheilung berittener Drusen griff im Sommer 1815 eine Beduinen-Abtheilung in der Landschaft Hauran an und trieben sie in ihr Lager, wo sie eine überlegene Macht fanden und bis auf einen einzigen erschlagen wurden, welcher die Flucht ergriff. Er wurde von mehreren sehr gut berittenen Beduinen verfolgt, aber seine Stute, obschon ermüdet, konnte doch mehrere Stunden lang nicht eingeholt werden. Ehe seine Verfolger die Jagd aufgaben, riefen sie ihm zu und versprachen ihm Pardon und sicheres Geleite, baten ihn auch, er möge verstatten, daß sie die Stirn seiner trefflichen Stute küßten. Als er sich weigerte, gaben sie die Jagd auf, segneten das edle Thier und riefen dem Reiter desselben zu: „Gehe und wasche die Füße deiner Stute, und trinke das Waschwasser.“ Dieses Ausdrucks bedienen sich die Beduinen, um ihre große Liebe für solche Stuten und ihren Sinn für die Dienste zu bekunden, welche sie geleistet haben.

 

_E. Daumas (1853)
Täglich bei den Zusammenkünften außerhalb des Douar, wo das Recht des Wortes dem Aeltesten allein zusteht, und die sich durch die Bescheidenheit der im Kreise auf dem Rasen oder im Sande sitzenden Zuhörer auszeichnen, gewinnen die Jüngeren zu ihren eigenen Erfahrungen die Rathschläge der Alten und die Sagen, die sie ihnen erzählen. Religion, Jagd, Krieg, die Liebe und die Pferde sind die unerschöpflichen Gegenstände ihrer Beobachtungen, und machen diese Unterhaltungen unter freiem Himmel zu Hochschulen, in denen sich die Krieger heranbilden und ihren Verstand entwickeln, indem sie eine Menge von Heldenthaten, weisen Lehren, Sittensprüchen und Sprüchwörtern sammeln, von denen sie in dem Leben, reich an Gefahren, das sie führen, Anwendung zu machen, nur zuviel Gelegenheit finden. Hier erwerben sie sich einen Grad von Pferdekenntniß, den selbst bei dem letzten Reiter eines Tribus zu finden, man erstaunen muß. Er kann nicht lesen, nicht schreiben, und doch wird er sich bei jedem Satz seiner Unterhaltung auf das Zeugniß gelehrter Ausleger des Koran oder des Propheten selbst berufen.

 

_A. Mazoillier (1853)
Eine andere Geschichte, welche sich in eben diesem Kriege zutrug, beweist aufs Neue die gegenseitige Anhänglichkeit zwischen dem Araber und seinem Pferde. Es ist bekannt, daß es eine der wesentlichsten Eigenschaften eines Race-Pferdes ist, daß es sofort anhält, wenn sein Reiter herabfällt, und daß, wenn er verwundet oder getötet wird, aber im Sattel bleibt, es ihn in das Lager der Seinen zurückträgt.
An einem Kampftage wurde ein Wahabi schwer verwundet, stürzte vom Pferde und blieb dabei mit dem Fuße im Bügel hängen. Seine Stute legte sich sofort platt auf den Bauch nieder, so daß sein Fuß aus dem Bügel kam, dann faßte es seinen Gürtel und trug ihn bis in die Mitte der Seinen zurück. Diese Geschichte ist mir von mehreren Augenzeugen fest versichert worden.

 

_Count W. Rzewusky (about 1820)

Willem de Irmaks Testas, Flucht des Emirs Elfey Bey von der Zitadelle in Kairo
Der Kohlan zeichnet sich unter allen Pferden der Welt durch seine Eigenschaften, so wie durch seine Formen aus.
Er ist sehr fromm und treu gegen seinen Herrn; er hat viel Muth, eine bewunderungswürdige Unerschrockenheit, ein vorzügliches Gedächtnis für den Ort, wo er gewesen ist, und die Behandlung, welche er erfahren hat. Unzugänglich für Jeden ausser seinem Herrn, verliert er in dem heftigsten Handgemenge die Richtung nicht, woher er gekommen ist, und, selbst tödlich verwundet, entreisst er, so ferne ihm die Kraft nicht versagt, seinen Herrn der Gefahr, und bringt ihn zu den Seinigen zurück.
Er besitzt viel Verstand, und merkt es sehr wohl, wenn er verkauft werden soll, und wenn um seinen Preis gehandelt wird; diess geht so weit, dass, wenn der Eigenthümer und der Kauf-Liebhaber in den Stall kommen, um daselbst ihren Handel zu machen, er solches ahnet, unruhig wird, die Sprechenden ansieht, auf dem Boden scharrt, und so seine Unzufriedenheit ausdrückt. Der Käufer dürfte so wenig, als jeder andere Fremde, es wagen, sich ihm zu nähern; wenn aber nach abgeschlossenem Handel der Verkäufer Kohlan bey der Halfter fasst, ihn – nebst einem Stück Brod mit Salz dem Käufer übergibt, und sich sofort wegwendet, (eine Art, sich von ihm zu verabschieden, und die Rechte seines neuen Herrn anzuerkennen) alsdann sieht man diess widerspenstige Thier fromm, geschmeidig und anhänglich an seinen neuen Besitzer werden, welchen es einen Augenblick zuvor zertreten hätte.
Diess ist kein Mährchen; bey mehreren Gelegenheiten war ich hiervon Zeuge. Als ich nehmlich in den Jahren 1810 und 1811 von gefangenen Türken drey Kohlan erkaufte, ist mir diess selbst bey dem Handel im Stalle begegnet, wo ich jene Pferde, welchen ich vor dieser Ceremonie mich zu nähern nicht gewagt hätte, eigenhändig übernahm; und ein Gleiches habe ich von allen Türken, Arabern, Gefangenen und von mehreren reichen armenischen Kaufleuten gehört, welche mit Pferden handeln, die zuweilen an Ort und Stelle aufkaufen.

 

_H. v. Moltke (1835-39)
Der Kjerwan-Baschi erzählte mir heute Abend eine charakteristische Anekdote von einem Araber, welche ich schon in Orfa gehört hatte.
Ein türkischer Kavalleriegeneral, Dano-Pascha zu Mardin, stand schon seit langem in Unterhaltung mit einem arabischen Stamme wegen einer edlen Stute vom Geschlecht Meneghi; endlich vereinigte man sich zu dem Preise von 60 Beuteln oder nahe 2000 Thalern. Zur verabredeten Stunde trifft der Häuptling des Stammes mit seiner Stute im Hofe des Paschas ein; dieser versucht noch zu handeln, aber der Scheikh erwidert stolz, daß er nicht einen Para herablasse. Verdrießlich wirft der Türke ihm die Summe hin mit der Aeußerung, daß 30000 Piaster ein unerhörter Preis für ein Pferd sei. Der Araber blickt ihn schweigend an und bindet das Geld ganz ruhig in seinen weißen Mantel, dann steigt er in den Hof hinab, um Abschied von seinem Thiere zu nehmen; er spricht ihm arabische Worte ins Ohr, streicht ihm über Stirn und Augen, untersucht die Hufe und schreitet bedächtig und musternd rings um das aufmerksame Thier. Plötzlich schwingt er sich auf den nackten Rücken des Pferdes, welches augenblicklich vorwärts und zum Hofe hinausschießt.
In der Regel stehen hier die Pferde Tags und Nachts mit dem Palan oder Sattel aus Filzdecken. Jeder vornehme Mann hat wenigstens ein oder zwei Pferde im Stall bereit, die nur gezäumt zu werden brauchen, um sie zu besteigen; die Araber aber reiten ganz ohne Zaum, der Halfterstrick dient, um das Pferd anzuhalten, ein leiser Schlag mit der flachen Hand auf den Hals, es links oder rechts zu lenken. Es dauert denn auch nur wenige Augenblicke, so saßen die Agas des Paschas im Sattel und jagten dem Flüchtling nach.
Der unbeschlagene Huf des arabischen Rosses hatte noch nie ein Steinpflaster betreten, und mit Vorsicht eilte es den holprigen steilen Weg vom Schlosse hinunter. Die Türken hingegen galoppiren einen jähen Abhang mit scharfem Geröll hinab wie wir eine Sandhöhe hinan; die dünnen, ringförmigen, kalt geschmiedeten Eisen schützen den Huf vor jeder Beschädigung, und die Pferde, an solche Ritte gewöhnt, machen keinen falschen Tritt. Am Ausgang des Orts haben die Agas den Scheikh beinahe schon ereilt; aber jetzt sind sie in der Ebene, der Araber ist in seinem Elemente und jagt fort in gerader Richtung, denn hier hemmen weder Graben noch Hecken, weder Flüsse noch Berge seinen Lauf. Wie ein geübter Jockey, der beim Rennen führt, kommt es dem Scheikh darauf an, nicht so schnell, sondern so langsam wie möglich zu reiten; indem er beständig nach seinen Verfolgern umblickt, hält er sich in Schußweite von ihnen entfernt; dringen sie auf ihn ein, so beschleunigt er seine Bewegung; bleiben sie zurück; so verkürzt er die Gangart des Thieres; halten sie an; so reitet er Schritt. In dieser Art geht die Jagd fort, bis die glühende Sonnenscheibe sich gegen Abend senkt; da erst nimmt er alle Kräfte seines Rosses in Anspruch; er lehnt sich vorn über, stößt die Fersen in die Flanken des Thiers und schießt mit einem lauten ‚Jallah‘ davon. Der feste Rasen erdröhnt vom Stampfen der kräftigen Hufe, und bald zeigt nur noch eine Staubwolke den Verfolgern die Richtung an, in welcher der Araber entfloh.
Hier, wo die Sonnenscheibe fast senkrecht zum Horizont hinabsteigt, ist die Dämmerung äußerst kurz, und bald verdeckt die Nacht jede Spur des Flüchtlings. Die Türken, ohne Lebensmittel für sich, ohne Wasser für die Pferde, finden sich wohl zwölf oder fünfzehn Stunden von ihrer Heimath entfernt in einer ihnen ganz unbekannten Gegend. Was war zu thun? Als – umzukehren und dem erzürnten Herrn die unwillkommene Botschaft zu bringen, daß Roß und Reiter und Geld verloren. Erst am dritten Abend treffen sie halb todt vor Erschöpfung und Hunger, mit Pferden, die sich kaum noch schleppen, in Mardin wieder ein; ihnen bleibt nur der traurige Trost, über dieses neue Beispiel von Treuelosigkeit eines Arabers zu schimpfen, wobei sie genöthigt sind, dem Pferde des Verräthers alle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und einzugestehen, daß ein solches Thier nicht leicht zu theuer bezahlt werden kann.
Am folgenden Morgen, als eben der Imam zum Frühgebet ruft, hört der Pascha Hufschlag unter seinen Fenstern, und in den Hof reitet ganz harmlos unser Scheikh. „Sidi!“ ruft er hinauf: „Herr! Willst du dein Geld oder mein Pferd?“

_Springfield (1847)

[o.N.], Chevaux Arabes à S.A. Le Vice Roi d'Egypte
Von dem verstorbenen Sir Robert Gillespie und seinem Araber gibt es eine Geschichte, die zu dem Spektakulärsten zählt, was an Geschichten über Mut von Reiter und Pferd berichtet wird. Sir Robert wohnte einem der großen Hindu-Feste in Kalkutta bei, bei dem sich Tausende von Menschen versammeln, um sich alle möglichen Vorstellungen und Vorführungen anzusehen. Plötzlich gellten Schreie, die Menge geriet in Bewegung. Als er erfuhr, daß ein Tiger seinen Wärtern entkommen sei, ließ er sofort sein Pferd kommen und ritt mit einem Bärenspieß, den er einem Zuschauer entrissen hatte, als einziger Waffe diesem gefährlichen Gegner entgegen. Der Tiger war wahrscheinlich verwirrt, als er sich mitten unter unzähligen schreiend auseinanderstiebenden Wesen wiederfand, aber als er Sir Robert sah, kauerte er sich zum Sprung zusammen. In diesem Augenblick setzte der tapfere Krieger mit einem Satz über den Tiger hinweg und stieß ihm von oben den Speer ins Rückgrat. Zu dieser Tat bedurfte es höchstmöglicher Übereinstimmung zwischen Reiter und Pferd, die in diesem Augenblick das Märchen von Kentauren beinahe zur Wirklichkeit werden ließ. Hätte einer von beiden auch nur einen Augenblick gezögert oder geschwankt, wären beide verloren gewesen. Aber das beherzte Roß kannte seinen Reiter. Es war ein kleiner Schimmel, der später als Geschenk an den Hof des Prinzregenten kam.

 

_E. Schiele (1982)
Der Beduine fragt erst nach der Abstammung, bevor er sich ein Pferd ansieht, und sagt sie ihm nicht zu, verzichtet er auf die Besichtigung. 

 

_W. G. Olms (1985)

[o.N.], Bakhit, Étalon Arabe acheté en Egypte par Son


Carle Vernet, Combat de Mameluk

 

Wie sehr bis auf den heutigen Tag führende Persönlichkeiten der Golfstaaten das arabische Pferd ebenso wie die alte Poesie schätzen, konnte ich während meines Besuchs bei S.K.H. Prinz Badr Ben Abdul Aziz, Vizepräsident der National Guard und des Equestrian Clubs, erleben. Im Anschluß an eine längere Unterhaltung über die Probleme der Araberzucht fragte mich S.K.H. Prinz Badr, ob ich die Geschichte des blinden Beduinenscheichs kenne, der mit Hilfe seines Sohnes lange Zeit vergeblich die ideale arabische Stute suchte, nie sei er mit der Schilderung seines Sohnes zufrieden gewesen, bis er sie eines Tages fand. Ich verneinte. Darauf rezitierte S.K.H. Prinz Badr den Lobgesang, den der Sohn seinem Vater beim Anblick der Stute vortrug:
„Der Ausdruck in ihren Augen gleicht dem einer liebenden Frau; der Gang dem eines schönen Weibes; ihre Brust ist wie die eines Löwen; ihre Flanke wie die der Gazelle. Sie ist die Trinkerin des Windes, sie trottet wie ein Wolf und galoppiert wie ein Fuchs; ihr Fell ist wie ein Spiegel, ihr Haar so dicht wie die Federn auf Adlers Schwingen, und ihr Huf ist so hart wie Stein, von dem man Feuer schlagen kann, und gerade so weit, daß eine Maus darin ihr Nest bauen könnte; sie ist sanft wie ein Lamm, aber wie ein Panther im Zorn, wenn sie geschlagen oder gereizt wird. Ihre Nüstern sind geöffnet wie Blütenblätter einer Rose. Ihre Schultern verwandeln sich in Flügel, wenn sie rennt. Ihre Beine sind stark wie die eines wilden Straußes und bemuskelt wie jene des Kamels. Ihre Augenwimpern sind lang wie Gerstenähren und die Ohren wie die zweier Halbedelsteine eines Speerkopfes!“
Daraufhin sprach der blinde Sheikh: „Mein Sohn, dies ist die Stute, nach der ich solange gesucht habe. Du wirst alles tun, um sie zu erwerben.“

 

_W. Georg Olms (1999)
Kein anderes Pferd ist härtesten Strapazen besser gewachsen als das arabische. Von Napoleons Kavallerie- und Artilleriepferden, von den 187.000 Pferden der verschiedenen Rassen, überlebten nur 1.600 Tiere diese unendlichen Strapazen des russischen Winterfeldzuges, und das waren die arabischen Pferde.
Wie Landoberstallmeister Dr. W. Cranz berichtet, hat König Wilhelm II. von Württemberg insbesondere auf dem Rußlandfeldzug Napoleons die unglaubliche Leistungsfähigkeit des arabischen Pferdes kennengelernt und darum die Gründung des Königlichen Gestüts Weil vorangetrieben.

Victor Adam, Spahis Indigène

Henri Lalaisse, Spahis
_Mazen Amawi (1999)
Al-Haggag ibn Yusuf wurde als Statthalter der Ummaiyaden im Irak in den Jahren 694-714 n. Ch. in dieser von vielen Sektenkämpfen und Aufständen erschütterten Provinz eingesetzt, um Ruhe und Ordnung zu schaffen. Gleich am ersten Tage seines Eintreffens rief er das Volk zusammen und hielt eine schneidende Ansprache, und als ihm nicht der nötige Respekt entgegengebracht, ihm sogar ständig Pinienkerne entgegengeschnipst wurden, ließ er durch seine Truppen mehrere Hundert der Anwesenden ergreifen und noch am selben Tage köpfen. Durch solch grausam hartes Vorgehen hatte er mit einem Schlag Ruhe und Ordnung wieder hergestellt.
Als er eines Tages allein durch die Wüste ritt, traf er auf einen Beduinen, der ihn eine Weile begleitete. Die beiden plauderten ein wenig, und als Al-Haggag sicher war, daß der Beduine ihn nicht erkannt hatte, ergriff er die Gelegenheit, um einmal zu erfahren, was die Leute über ihn dachten: „Was hört man so über Al-Haggag, unseren neuen Gouverneur?“ Der Beduine rief erregt: „So einen Teufel nennst du Gouverneur! Dieser verfluchte Verbrecher, Verwüster … der schlimmste Tod ereile ihn! Allah lasse seine Seele auf ewig in der Hölle schmoren!“ Al-Haggag konnte sich nur mit größter Anstrengung beherrschen, schaute den Beduinen finster an und unterbrach seinen Redefluß: „Weißt du, mit wem du redest?“ Der Beduine antwortete: „Oh Freund, woher auch, wir haben uns gerade erst gesehen.“ Al-Haggag erwartete lähmendes Entsetzen seines Begleiters, als er sagte: „Ich bin Al-Haggag ibn Yusuf!“ Der Beduine stockte für einen Augenblick und sagte dann freundlich lächelnd: „Aber Bruder, das alles bleibt bitte unter uns!“

Eines Tages hatte Al-Haggag ibn Yusuf zu einem besonderen Festmahl eingeladen. Unter die Gäste hatte sich auch ein einfacher Beduine gemischt. Alle saßen um die appetitlichsten Speisen herum, die so schön dekoriert waren, daß sie nur staunen konnten. In der Mitte der Tafel thronte ein winziges besonders leckeres Häppchen. Es zog die Blicke der hungrigen Gäste und auch die des Beduinen magisch an. Gern hätte hier ein jeder zugegriffen. Al-Haggag, der die Szene genau beobachtete und wohl auch eingeplant hatte, sagte dann lakonisch: Wer sich an dem Häppchen vergreift, der verliert seinen Kopf.
Die Gäste schwiegen verängstigt und trösteten sich mit anderen Leckereien. Der Beduine indes schaute zu Al-Haggag, dann zu dem verlockenden Häppchen, dann noch einmal zu Al-Haggag und wieder zu dem Häppchen, bevor er seine Ärmel hochstreifte und in Richtung Al-Haggag sagte: „Erhabener Prinz! Ihr werdet doch für meine Familie sorgen!“ Damit griff er zu dem Häppchen und führte es zum Mund. Al-Haggag mußte lachen und ließ dem Beduinen seinen Kopf.
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Textsource: Asil Arabians V - The noble arabian horses (Olms Verlag 2000)
Textquelle: Asil Araber V - Arabiens edle Pferde (Olms Verlag 2000)